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Teigreife bei Poolish

Hinnerk138

Militanter Veganer
Hallo Leute,
mein erster Beitrag hier also mit ganz kurzer Vorstellung. Ich backe seit 13 Jahren mit wachsender Begeisterung Pizza, habe mir wirklich viel Input geholt von allen Seiten. Viel experimentiert und hier im Forum schon viel mitgelesen. Öfen 4040e und für draußen ein Koda 16. Eine Frage stellt sich mir. Bei meinem Lieblingsrezept (Cuoco, 65% hydr. , 2,7% Salz) mit Vorteig aus Poolish 1 std 20°C und 48 std im Kühlschrank) je nach Anteil des Vorteigs im Hauptteig reduziert sich die Gehzeit auf wenige Std. Beim Hauptteig. Wie verhält sich das dann mit der Teigreife? Was passiert mit dem Mehl oder passiert eben nicht? Es schmeckt immer gut, aber vor meiner zeit mit Poolish und Biga habe ich den gesamten Teig im Kühlschrank 48std Stockgare und anschließend noch bei RT ein paar std Stückgare, solange bis sie gut aussahen. Ich weiß nicht wie verständlich meine Frage ist. Vielleicht ist es umständlich formuliert. Aber vito Iacopelli nimmt teilweise nur 1/5 Vorteig und 4/5 frisches Mehl, was dann dank poolish doch wie ein sehr reifer Teig schmeckt und sich auch bäckt, aber ist es das auch?
Außerdem plane ich grade eine Außenküche für mittelgroße Pizzaeskalationen im Garten. Ofen wird vermutlich ein Clementi Family 80x60 werden. Wenn es dazu gute Anregungen gibt bin ich sehr dankbar!!
Beste Grüße!
 
Interessante Fragestellung. Bin gespannt was da so kommt. (Ich selbst mache gern den next Level Teig von Vito mit 16-24h Poolish und dem Hauptteig über Nacht bis 24h im KS. Ich denke so ist er auf jeden Fall reif. )
 
Moin Moin Hinnerk,

interessante Fragestellung. Diese Frage habe ich mir auch schon über die letzen Jahre immer mal wieder gestellt. Eigentlich jedes mal wenn ich neuen Pizza Teig ansetze. Probiert habe ich gewiss noch nicht alles, aber sehr vieles. Ich gebe mal eine kurze Übersicht zu meinen Experimenten und meinen Erkenntnissen.

1: 1/4 Poolish zu 4/5 Hauptteig - 24h Poolish bei RT, 24h Stockgare im Kühlschrank, 4h Stückgare RT. Das ist aktuell mein Standard geworden. Der Teig schmeckt reif und lässt sich super verarbeiten. Die Technik ist mein sicherer Hafen wenn ich für eine größere Gruppe Pizza mache.

2: Kompletter Teig Stockgare 24 Stunden - Teig lässt sich zwar gut verarbeiten, schmeckt aber weniger reif und lässt sich ok verarbeiten. Man merkt, dass der Teig sich noch gerne bisschen schneller bei stretchen zusammen zieht.

3 - Kompletter Teig Stcokgare 48 Stunden - Ähnliches Resultat wie bei 1

4 - Kompletter Teig Stockgare 72 Stunden - Ziemlich geil vom Geschmack, aber die Gluten Struktur fängt ab 72 Stunden an bisschen zu leiden. Bräune beim backen wird jedoch sehr geil.

5 - 100% Biga - Biga 12h bei RT liegen lassen und dann zu einem Teig kneten. Danach 2h Stückgare. Auch ein sehr leckeres und gut verarbeitbarer Teig. Meiner Meinung nach geschmacklich irgendwo zwischen Variante 1 und 4 einzusiedeln.

Hoffentlich hat dir mein Aufsatz ein bisschen was gebracht und viel Spaß bei deinen Experimenten :)
 
Was passiert mit dem Mehl oder passiert eben nicht?
Grundsätzlich passiert immer das Gleiche, etwas vereinfacht dargestellt ist das: Enzyme zerlegen den Teig. Amylasen die Stärke und es entstehen kurz- bzw. kürzerkettige Zucker. Proteasen die Proteine und es entstehen einfache Aminosäuren. Beides, also einfache Aminosäuren und reduzierende Zucker, benötigt man für die Bräunungsreaktionen (Maillard).

Die im Teig vorhandenen Mikroorganismen (hauptsächlich Hefen und Lactobacilli) verstoffwechseln die einfach(er)en Zucker und erzeugen die Stoffe, die für den Geschmack und den Trieb des Teiges bzw. des fertigen Backwerks (mit-)verantwortlich sind: CO2, Alkohole, Säuren, Aldehyde, Ester, etc..

Beeinflußt werden diese Abläufe von Enzymaktivität (des Mehles), Temperatur, Hydration, Anzahl und Art der beteiligten Mikroorganismen und natürlich der Dauer der Gare. Und damit kann man dann auch die Gare beeinflussen/steuern: Startermenge (und -aktivität), Temperatur, Wassergehalt und Dauer.
 
Es passiert immer das Gleiche, etwas vereinfacht dargestellt ist das: Enzyme zerlegen den Teig. Amylasen die Stärke und es entstehen kurz- bzw. kürzerkettige Zucker. Proteasen die Proteine und es entstehen einfache Aminosäuren. Beides, also einfache Aminosäuren und reduzierende Zucker benötigt man für die Bräunungsreaktionen (Maillard).

Die im Teig vorhandenen Mikroorganismen (hauptsächlich Hefen und Lactobacilli) verstoffwechseln die einfach(er)en Zucker und erzeugen die Stoffe, die für den Geschmack des Teiges bzw. des fertigen Backwerks (mit-)verantwortlich sind: Alkohole, Säuren, Aldehyde, Ester, etc.

Beeinflußt werden diese Abläufe von Enzymaktivität (des Mehles), Temperatur, Hydration, Anzahl und Art der beteiligten Mikroorganismen und natürlich der Dauer der Gare. Und damit kann man dann auch die Gare beeinflussen/steuern: Startermenge (und -aktivität), Temperatur, Wassergehalt und Dauer.
Wouw ......... top , Walter !
 
Haha, geil! Ich freue mich grade sehr über diese tollen und fundierten Informationen! Danke euch!
@FlyingFatMan
Ja deine #1 ist auch mein Sicherer Hafen für größere Gruppen, nur war ich bei der letzten Feier dazu gezwungen für eine unbekannt große Zahl von Personen zu Backen. 30-100 Leute. Es waren zum Schluss 70 Pizzen. Ich habe also Poolish gemacht (4kg Mehl 4kg Wasser) was ich dann spontan am Backtag entsprechend der tatsächlichen Personenzahl entsprechend nur mit Mehl zum Teig knete oder eben entsprechend verlängere… zum Schluss waren es 10kg Mehl und 6,5kg Wasser die ich von Hand geknetet habe 😅
Natürlich etwas mit Autolyse geholfen…
@DarkRoast
Bei dem Cuoco ist von einer langen Teigführung die Rede.
Kann ich also davon ausgehen, dass die im Vorteig herangewachsenen Mikroorganismen derart schlagkräftig an Werk gehen, dass obwohl ca 60-70% der Mehlmenge erst vor wenigen Stunden in den Teig eingearbeitet wurden, sie diesen zureichend verstoffwechselt haben? Im Grunde würde ich den Prozess durch niedrige Temperaturen in form einer 12-24 stündigen Stückgare ja nur verlangsamen.
 
Kann ich also davon ausgehen, dass die im Vorteig herangewachsenen Mikroorganismen derart schlagkräftig an Werk gehen, dass obwohl ca 60-70% der Mehlmenge erst vor wenigen Stunden in den Teig eingearbeitet wurden, sie diesen zureichend verstoffwechselt haben? Im Grunde würde ich den Prozess durch niedrige Temperaturen in form einer 12-24 stündigen Stückgare ja nur verlangsamen.
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht so recht, was ich dir darauf antworten soll. Ich verwende das Cuoco nicht (mehr) und Industriehefe schon gar nicht.

Den Enzymen und MO ist es egal, ob sich der Teig in einer Stock- oder Stückgare befindet, die interessiert in erster Linie die Temperatur und die Hydration. Geschmacklich macht es einen großen Unterschied, ob du deinen Poolish mit Industriehefe, Hefewasser, LM oder gar Roggensauer ansetzt. Bei letzteren spielt die Aktivität (d.h. der Zustand deines Hefewassers oder Sauerteigs) ebenfalls eine große Rolle, nicht nur die Menge.

Meine Vorgangsweise ist eine andere: Ich plane zwar die Gare im Hinblick auf Triebmittel, Menge, Temperatur und Dauer voraus, aber letztlich beobachte ich den Vorteig bzw. Teig und richte mich mit den weiteren Schritten nach dem Teig. Mittlerweile kann ich meine Garen recht gut einschätzen und nehme ggf. durch eine Temperaturänderung Einfluß. Damit komme ich meist ganz gut hin, auch ohne irgendeine App.
 
Oh kehr, da haste mich jetzt auf was aufmerksam gemacht😂… wühle grade durch deine Beträge um die vielen Fragen die sich mir stellen zu beantworten. LM, Hefewasser… so viel Input.. Aua, jetzt hab ich was zu tun. Die ersten Rosinen sind geflutet… Experimentierphase beginnt.
Nochmal Danke! Hast mich auf einen interessanten Pfad gebracht.
 
Moin Moin Hinnerk,

interessante Fragestellung. Diese Frage habe ich mir auch schon über die letzen Jahre immer mal wieder gestellt. Eigentlich jedes mal wenn ich neuen Pizza Teig ansetze. Probiert habe ich gewiss noch nicht alles, aber sehr vieles. Ich gebe mal eine kurze Übersicht zu meinen Experimenten und meinen Erkenntnissen.

1: 1/4 Poolish zu 4/5 Hauptteig - 24h Poolish bei RT, 24h Stockgare im Kühlschrank, 4h Stückgare RT. Das ist aktuell mein Standard geworden. Der Teig schmeckt reif und lässt sich super verarbeiten. Die Technik ist mein sicherer Hafen wenn ich für eine größere Gruppe Pizza mache.

2: Kompletter Teig Stockgare 24 Stunden - Teig lässt sich zwar gut verarbeiten, schmeckt aber weniger reif und lässt sich ok verarbeiten. Man merkt, dass der Teig sich noch gerne bisschen schneller bei stretchen zusammen zieht.

3 - Kompletter Teig Stcokgare 48 Stunden - Ähnliches Resultat wie bei 1

4 - Kompletter Teig Stockgare 72 Stunden - Ziemlich geil vom Geschmack, aber die Gluten Struktur fängt ab 72 Stunden an bisschen zu leiden. Bräune beim backen wird jedoch sehr geil.

5 - 100% Biga - Biga 12h bei RT liegen lassen und dann zu einem Teig kneten. Danach 2h Stückgare. Auch ein sehr leckeres und gut verarbeitbarer Teig. Meiner Meinung nach geschmacklich irgendwo zwischen Variante 1 und 4 einzusiedeln.

Hoffentlich hat dir mein Aufsatz ein bisschen was gebracht und viel Spaß bei deinen Experimenten :)

Sorry, aber stimmt die Mengenangabe bei #1 oder sind es 3/4 Hauptteig ?
 
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