ALL BLING, NO BASICS - Windmühlenmesser Serie
Fromaĝo
Für alle, die nicht wissen, was gemeint ist: Der Titel verweist auf ein YouTube Video eines Australiers, welcher präzise all die Schwächen in der russischen Vorbereitung & Ausführung der Invasion in der Ukraine aufzeigt. Und er kommt nicht von ungefähr...
Die neue Käsemesser-Serie
Fromaĝo taucht zwar überall auf, aber es wird praktisch nirgends darüber berichtet. Das hat seinen Grund, aber den muß man in der Praxis selber herausfinden. Ich habe diese Messer ( 3 von 4 ) von meinem eigenen Geld gekauft, deshalb kann ich auch frei darüber berichten.
Die Windmühle hat beim Design der Messer (mal wieder) internationale Partner gesucht und in der Ladenkette "Fromagerie Guillaume" (FR,BeNeLux) gefunden. Warum die Messer daraufhin italienisch klingende Namen erhalten haben, erschließt sich mir nicht wirklich.
Die Messer kommen in einer sehr schlichten, schwarzen Faltschachtel daher, nur das Nötigste enthalten, ein Faltblatt, ein Plastik-Verhüterli für die Klinge, und das Messer selbst.
Noch vor wenigen Jahren wurden Messer aus der vergleichbaren "Collection Windmühle" in einer Geschenkschachtel ausgeliefert, und das zum halben Preis!
Hier schreit jedenfalls alles nach "Kostenreduzierung" sowie "Gewinnmaximierung", und das schon beim Auspacken...
Fromaĝo besteht zur Zeit aus vier Modellen:
- Kapro ( 8cm) Ziegenkäsemesser
- Ĉio (16,0cm) für festere Käsesorten
- Mola (16,5cm) Weichkäsemesser
- Pano (13cm) Brotmesser
Ich habe zuerst das Portioniermesser "Pano" bekommen und ausprobiert. Es ist ausgesprochen kurz für ein Brotmesser, nur 13cm Klingenlänge, wohl um die anderen Brotmesserverkäufe nicht zu kannibalisieren. Das muß man sich in einer ruhigen Minute mal vorstellen: Die Windmühlenführung erwartet von uns, daß wir irgendwie vorgeschnittenes Brot (oder Baguette) mit einem extra kleinen Brotmesserchen in mundgerechte Degustationshäppchen verwandeln. Warum wir dafür nicht das bisherige Brotmesser verwenden? You might well ask, son! Fragen kostet ja nichts, aber diese Messerserie kostet zwischen 400...530 EUR zum Zeitpunkt dieses Beitrages.
Die Griffe aller Messer waren sehr sauber und spaltfrei verarbeitet, das sollte der Fairness halber erwähnt werden. Volle Punktzahl.
"Pano" erinnert in seiner Form etwas an den B1 Flachschmieder von Rudolf Broch. Es hat einen, im Idealfall verzugsfrei arbeitenden, doppelseitigen konvexen Wellenschliff. D.h., anders als bei herkömmlichen Brotmessern mit konkaven Kullen, haben wir hier bauchige Zähnchen als Schneide.
Und das wirft gleich die ersten Fragen auf:
Was tun, wenn solch ein Messer mal stumpf wird?
Bekanntlich dürfen wir Normalsterblichen keine Reparaturfälle mehr an die Windmühlenmanufaktur in Solingen einsenden. Ab sofort ist die Windmühle nur noch für die Schaffung zukünftiger Probleme zuständig; um deren Beseitigung müssen sich andere kümmern...
Mag sein, dass ein Doppelkonvex-Schliff das einfachste Ding von der Welt ist, aber ich wüßte im Moment nicht, wie ich das mit Hausmitteln reparieren sollte? Man könnte höchstens die stumpf gewordenen Wellen wie Ausbrüche behandeln, einebnen und die Flanken des Messers gegen Null schleifen, sodass eine Art Petty-Messer daraus wird. Da zahle ich also viel Geld und habe irgendwann später nochmal viel Arbeit damit.
Können denn die drei verstreut im Land gelegenen Reparaturbetriebe mit einem doppelkonvexen Fließwellenschliff umgehen?
Oder ist das ein Problem für die Zukunfts-Windmühle und soll uns heute nicht kümmern?
(Für das Protokoll: "Pano" ist noch mein Lieblingsmesser aus der Serie gewesen ...)
Die Klinge hat ein für die Windmühle ungewöhnliches Finish. Es schaut im Wesentlichen wie der Schleifriefen nach dem Naßschleifen aus, evtl. wurde einmal "blau" darübergepließtet. Wahrscheinlich verspricht man sich davon einen besseren "food release" (außerdem spart es Kosten bei der Produktion, nur merkt man davon nichts an der Kasse).
Im neu gelieferten Zustand schnitt mein Exemplar kerzengerade, d.h. der Schliff ist vollsymmetrisch und funktionert wie vorgesehen. Ich konnte dünne Scheiben von Gurken, Tomaten, Zwiebeln, Salami und Käse schneiden, Sandwiches zerteilen, völlig ohne Probleme.
Bei Brot allerdings ist das Messer nur zweiter oder dritter Sieger! Zum Zeitpunkt dieses Reviews ist Winter und ich teste meine Messer an alltäglich anfallenden Aufgaben. U.a. kaufe ich billiges Schnittbrot und zerkleinere es in schnabelgerechte Würfel für die Enten und Gänse am Teich.
Buchstäblich jedes Brotmesser in meinem Besitz zerkleinert das Entenfutter besser als "Pano", selbst wenn das betreffende Messer bereits 40 Jahre auf dem Buckel haben sollte. Die Klinge des "Pano" ist einfach viel zu kurz für ein Brotmesser, sie reißt und schiebt bei großen Scheiben mehr, als dass sie schneidet!
Kommen wir zum "Mittelweich- bis Mittelhart-Käsemesser Ĉio", sowie dem "Weichkäsemesser Mola".
Ich muß gestehen, daß ich hier nicht ganz vorurteilsfrei sein kann, weil ich eine tief empfundene Abneigung gegen durchbrochene Klingen (also Löcher) habe. Das "Langloch" Käsemesser konnte ich auch in zwei Jahrzehnten nie kaufen, weil ich stets davon ausgegangen bin, daß die anschließende Reinigung ein Alptraum sein muß.
Naja, schließlich gibt es für alles ein erstes Mal, also warum nicht hier zum günstigen Zweieinhalbfachen des Langlochmesserpreises einsteigen...?
"Ĉio" und "Mola" (Weichkäsemesser) kamen beide zeitgleich bei mir an. Nach dem Auspacken war erstmal putzen angesagt. Beide Klingen waren fleckig. Ich kann nicht sagen, ob es Kundenretouren, Vorführmodelle oder Pließtrückstände ab Werk waren (diese kommen häufiger vor als man denkt)?
Ich war beinahe erschrocken darüber, wie biegsam beide Langmesserklingen waren! Die sind wirklich irre flexibel. Keine Ahnung ob Fertigungsmangel oder by Design (oder Kostenersparnis?), auf jeden Fall sind beide langen Käsemesserklingen relativ weich und sehr biegsam gewesen.
In der Hand wiegen sie fast nichts. "Ĉio" wiegt trotz seiner Größe nur 102g, "Mola" wiegt 88g.
Beide langen Käsemesser schneiden trotz ihres einseitigen "Brotmesserschliffs" relativ leicht.
(Das war der positive Teil.)
"Ĉio" (also das Lochmesser) stößt häufig mit der Oberkante der Aussparungen am Schnittgut an und schert weiteres Material ab. Das kann sehr irritierend werden. Bei genauerer Betrachtung wird offensichtlich, daß die Klingenstärke an der Oberkante der Aussparungen breiter ist als an der Unterkante, knapp über der Schneide.
Warum hat das dann im Demonstrationsvideo auf Facebook so leicht und problemlos ausgesehen?
Mache ich etwas falsch? Was kann man bei Käse überhaupt alles falsch machen?
Nochmal genauer hingeschaut - Trick 17 - es wird ein Käsestück am flachen Teil abgeschnitten, wo das Messer garantiert nicht mit der Oberkante der Aussparungen anstoßen und unschöne Szenen hervorrufen kann.
Marketingbullshit, Teil 1, sehr trickreich! Es darf davon ausgegangen werden, daß die Unzulänglichkeiten des Designs sehr wohl bekannt gewesen sind.
Beide (vielmehr alle drei) Sägezahnungen erzeugen ein Streifenmuster am Schnitt, das ist jetzt Geschmackssache und soll bloß der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Also möglichst wildes hin- und hersägen vermeiden, wenn es ansprechend aussehen soll.
(Und ja: Eine Langlochklinge zu reinigen ist lästiger als eine Standardklinge. Punkt.)
"Mola" hat einen geringfügig besseren Eindruck hinterlassen, ich wünschte nur, die Verhältnisse wären umgekehrt: Die Brotmesserklinge des "Pano" sollte 16 - 17cm lang sein; und die Gabelspitze des "Mola" sollte entfallen, dann würden 13cm für das schmale Weichkäsemesser evtl. ausreichend sein. Das "Meisterstück" macht seit Jahrzehnten vor, wie es geht!
Die Gabelspitze ist etwas, woran sich die Geister scheiden. Sie erinnert mich an mein altes Bundeswehrtaschenmesser, wo man die geniale Idee umgesetzt hat, eine ausklappbare Sägeklinge zu kürzen, damit am Klingenende noch ein Flaschenöffner (Kapselheber) Platz findet. Das Ergebnis war im Feldeinsatz komplett unbrauchbar und ein weiteres Armutszeugnis für die deutsche Beschaffungsbürokratie.
Aber ich schweife ab.
Im Demo-Video wird ein runder Camembert angefangen durchzuschneiden, dann folgt ein abschließendes Stilleben mit einem "Tortenstück", welches präzises Schneiden suggerieren soll, sowie einer appetitlich sauberen Klinge daneben. Womit wir bei Marketingbullshit, Teil 2, angelangt sind: In der Praxis verhindert die Gabelspitze solch ein "Tortenstück". Man müßte den Käse einmal ganz durchschneiden und dann einen weiteren Schnitt durchführen (sowie die ungleichen Käsehälften wieder zusammen rücken). Außerden verschmiert und verklebt die Klinge wie bei jedem anderen Messer auch!
Gabelspitzmesser tauchen bei der Windmühle immer mal wieder auf, es scheint auf den ersten Blick eine praktische Idee zu sein, aber die Umsetzung war bisher wenig überzeugend. Zum direkten Essen sind die Messer allesamt ungeeignet, es besteht Verletzungsgefahr, und zum Vorlegen bei Tisch wird sich ggf. was anderes finden. Beim "Mola" wünschte ich mir jedenfalls, ich könnte die Spitze einfach wegschleifen.
Wäre das Messer in der Preisregion der "Collection Windmühle" angesiedelt, welche noch vor wenigen Jahren für 66...72 EUR zu haben war, dann hätte ich es mir überlegt, wenigstens dieses Messer zu behalten und die Gabelspitze abzutrennen. Zum heutigen (doppelten) Preis geht das Ding zurück, ohne Wenn und Aber! Ich bin zwar bekanntlich ein Bekloppter, was Windmühlenmesser angeht, aber auch ich habe Grenzen.
Damit wären wir schon am Ende einer enttäuschenden Testperiode angelangt. Die Käsemesserserie
Fromaĝo stellt einen neuen Meilenstein für die Manufaktur dar; nur ob dieser uns gefällt, ist eine andere Frage.
Ein Meilenstein deshalb, weil es sich um monofunktionale Klingen handelt, welche kaum je für etwas anderes als den vorgesehenen Zweck benutzt werden können. Ein Meilenstein auch, weil man immer aggressiver an der Preisschraube dreht und dafür bei der Ausstattung spart. Zudem werden günstige Alternativen aus eigenem Haus auffällig seltener produziert und damit knapp am Markt gehalten.
Wirklich empfehlen kann ich keines der Messer, allein schon aufgrund der Preise. Das kurze (aber teure) Ziegenkäsemesser muß jemand anderes bewerten, dafür war mir mein Geld zu schade. Das Langlochmesser (145 Teuro) war eine einzige Enttäuschung. Das schmale Weichkäsemesser (137 Teuro) ist zu verspielt & teuer geraten, die Gabelspitze ist Ansichtssache. Das 132 Teuro Brotmesser ist noch das brauchbarste Messer aus dem Quartett, allerdings ist die Klinge zu kurz für den Hauptzweck und hinter der zukünftigen Instanthaltung dieses doch sehr speziellen Sägeschliffs steht ein dickes, fettes Fragezeichen -
WEIL DIE WINDMÜHLE KEINE REPARATURAUFTRÄGE MEHR ANNIMMT !!!
Gute Messer sind von Hand gemacht. Schlechte manchmal auch, und teuer sind'se geworden.